Ist Heimat ein Ort oder ein Gefühl?
Farid und seine Frau Romina
Was bedeutet Heimat, wenn man sein Herkunftsland verlassen musste? Wenn ein Teil des Herzens in Afghanistan bleibt und gleichzeitig ein neues Leben in Deutschland entsteht? Für Ahmad Farid Karimi ist die Antwort darauf nicht einfach. Farid kam am 2. September 2021 aus Teheran nach Deutschland. Seine erste Zeit verbrachte er bei seinen Eltern in Hamburg, bevor er in eine Gemeinschaftsunterkunft zog. Die Corona-Zeit machte vieles schwierig: Für den Deutschkurs brauchte es Impfungen, Schnelltests und viel Geduld. Trotzdem begann er Schritt für Schritt, sich ein neues Leben aufzubauen.
Heute lebt Farid mit seiner Frau und ihren drei Kindern in einem besonderen Wohnprojekt in Hamburg-Ottensen. Vor allem die Gemeinschaft macht diesen Ort für ihn besonders. Im Haus leben 31 kleine Kinder, die zusammen spielen, feiern und miteinander aufwachsen. Ein großer Gemeinschaftsraum bringt die Menschen regelmäßig zusammen. „Es ist wichtig, zusammen zu sein“, sagt Farid. „Die Kinder können immer zusammen spielen.“
Auch beruflich hat Farid in Deutschland neu angefangen. In Afghanistan studierte er Mathematik und Physik und arbeitete bis 2021 für amerikanische Organisationen im Bereich Finanzen und Buchhaltung. Vor kurzem schloss er erfolgreich eine Weiterbildung in Finanz- und Lohnbuchhaltung ab und macht derzeit ein Praktikum im why not.
Doch wenn Farid über Heimat spricht, geht es nicht zuerst um Arbeit oder Wohnungen. Heimat ist für ihn ein Gefühl.
„Alle Afghanen sagen: Heimat ist wie eine Mutter“, erzählt er. „Eine Mutter begleitet einen vom Anfang bis zum Ende des Lebens. Heimat bedeutet Unterstützung, Wärme und Zugehörigkeit.“
Afghanistan vermisst er sehr. Manchmal fällt es ihm schwer, darüber zu sprechen, und ihm kommen die Tränen, wenn er an seine Herkunftsland denkt. Gleichzeitig ist auch Deutschland ein Teil seiner Heimat geworden. Besonders die Gemeinschaft bei why not bedeutet ihm viel. Gemeinsam kochen, feiern und Zeit verbringen, all das hat ihm geholfen, anzukommen.
„Why not ist auch Heimat geworden“, sagt Farid. „Wir sind Teil der Gemeinschaft.“
Trotzdem bleibt ein Gefühl der Zerrissenheit. Ein Teil seines Herzens ist in Herat geblieben, ein anderer Teil lebt inzwischen in Hamburg. Farid beschreibt es mit einem eigenen Wort:
„Halb Herat, halb Hamburg: ich nenne meine Heimat Heratburg.“
Er glaubt, dass dieses Gefühl viele Menschen begleitet, die ihre Heimat verlassen mussten. Erwachsene blieben oft „halb-halb“, sagt er. Kinder dagegen würden vielleicht irgendwann Deutschland vollständig als Heimat empfinden.
Für Farid wird Heimat wahrscheinlich immer aus zwei Orten bestehen, aus Erinnerungen an Afghanistan und aus dem Leben, das er sich in Hamburg aufgebaut hat. Und vielleicht liegt genau darin die neue Bedeutung von Heimat: nicht entweder oder, sondern beides gleichzeitig.